Pädagogik-Professor Freerk Huisken behauptet: Schule macht dumm!

Zur Person:

FREERK HUISKEN Jahrgang 1941, Pädagogikstudium in Oldenburg, Tätigkeit als Lehrer bis 1967, dann zweites Studium Pädagogik, Politik und Psychologie in Erlangen-Nürnberg, 1971 Promotion. Seit 1971 Professur an der Universität Bremen: Politische Ökonomie des Ausbildungssektors. Ab März 2006 im Ruhestand.

Freerk Huisken 20091

„Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm?“2

1. Stimmt, Schule macht dumm. Das steht nicht etwa für ein Versagen der Schule, sondern gehört zu ihren Aufträgen. Dummheit, was ist das? Es fällt nicht unter Dummheit, wenn man nicht alle 27 Nebenflüsse der Elbe weiß, die chemische Formel von Blei nicht kennt, von Feuerbach noch nie et­was gehört hat oder die neue Zeichensetzung nicht beherrscht. Das ist fehlendes Wissen, das kann man sich aneignen, wenn man will. Die äußerst sparsame Vermittlung von Wissen und Kenntnisse an die Mehrheit der Schüler, die frühzeitig für untere Regionen der Berufshierarchie aussortiert werden, weil ihre weitere Qualifikation außer Kosten nichts bringt, fällt auch nicht unter Dummheit, sondern unter schulisch organisierten, bildungspolitisch gewünschten Ausschluss von weiterführenden Bildungswegen. Die stehen in der „Wissensgesellschaft“ nämlich nur der Elite offen, also denen, die mit ihrem Wissen den Kapitalstandort Deutschland voranbringen, und denen, die die dafür nötigen Herrschaftsfunktionen ausüben: Juristen, Journalisten, Politiker, Lehrer und sonstige Staatsbeamte.

2. Dummheit ist nicht das, was man nicht lernt. Unter Dummheit fällt vielmehr ziemlich viel von dem was man lernt und zwar als Hauptschüler wie als Gymnasiast. Die frühzeitige Aneignung einer gehörigen Portion Dummheit braucht es für jene Leistungen, die die Bürger hierzulande stän­dig erbringen: nämlich für die freiwillige Unterordnung unter alle Zwänge und Sachzwänge dieser Gesellschaft. Dazu gehört in erster Linie die Einbildung, dass Schule und Uni, alle politischen Ein­richtungen und nicht zuletzt der Arbeitsmarkt und die Berufswelt irgendwie schon dafür geschaffen sind, dass man mit einigen Anstrengungen seine frei gewählten Interessen verwirklichen kann – wenn man doch schon in all diesen Abteilungen der Gesellschaft zurechtkommen muss. Und dazu gehört in zweiter Linie die Ausstattung des Verstandes mit lauter falschen Urteilen über die Gründe, warum das so häufig nicht aufgeht. Dummheit ist – zusammengefasst – die Summe partei­lichen Denkens, mit der der erzogene Mensch es fertig bringt, alle politischen und ökonomi­schen Beschränkungen des eigenen Interesses zu verarbeiten und dabei brav zu bleiben.

3. Dafür Beispiele zu finden, ist nicht schwer: Als mündiger Staatsbürger glaubt man z.B. an die Dummheit, dass Wahlen wichtig sind, weil sich damit die Politik zur Rücksichtnahme auf die eigenen Interessen bewegen lässt. Wer an dem dummen Spruch festhält, dass es jeder in dieser Gesellschaft zu etwas bringen kann, wenn er sich nur ordentlich anstrengt, der ist bereits gut erzogenes und von sich und seinen Fähig­keiten überzeugtes Konkurrenzsubjekt. Und dann gibt es noch die Dummheiten, die auf den Namen Moral hören, mit denen besonders der kritische Mensch alles, was ihn stört, auf fehlende Gleich­heit, Gerechtigkeit oder Freiheit und Missachtung der Menschenwürde zurückführt; wofür er dann regelmäßig die Politik verantwortlich macht.

Warum sind das Dummheiten?

– Der Freund von Wahlen – er wird dieses Jahr reich beschenkt – lobt ein Wahlrecht, mit dem das Wahlvolk wechselndes Personal für sehr prinzipiell feststehende Regierungsauf­gaben auswählt, und der dann nichts mehr dabei findet, sich von den gewählten Machthabern die Exis­tenzbedingungen diktieren zu lassen. Wer es als Freiheit schätzt, keiner anderen Obrigkeit zu gehor­chen als jener, an deren Wahl er sich beteiligt hat, ist – im genannten Sinne – dumm.

– Der Freund der Leistungsgesellschaft lobt die Konkurrenz, die alle entscheidenden Lebensberei­che – Schule, Arbeitsmarkt und Beruf – fest im Griff hat, dafür, dass die Klassengesellschaft ihre Jobs nicht mehr nach Stand, Herkunft, Geschlecht und Rasse verteilt, sondern ganz gleich und de­mokratisch nach Leistung. Nichts findet er dabei, dass es diese Konkurrenz überhaupt nur dort gibt, wo deren Macher die Anzahl der Siegerpositionen knapp halten und die Masse der Konkurrenten nach ihren Krite­rien in Verliererjobs einweisen; wo folglich vor Beginn der Konkurrenz deren zentrales Ergebnis bereits feststeht: die Berufshierarchie der Klassengesellschaft. Wer die staatlich verfügte Erlaubnis schätzt, sich in der Konkurrenz daran beteiligen zu dürfen, also alle Mitkonkurrenten möglichst zu Verlierern zu machen, und sich zudem einbil­det, das hätte er mit seiner Leistung in der Hand, ist – im genannten Sinne – dumm.

– Und dem Freund hoher Werte schließlich schlägt die Sternstunde immer dann, wenn er entdeckt, dass seine bzw. die Interessen der Mehrheit nicht so recht aufgehen. Dann beschwert er sich bei der Politik – was ihm die Demokratie gnädigerweise erlaubt und wofür er sich dann auch dankbar erweist – und wirft ihr Verstöße gegen Gleichheit der Chancen und soziale Gerechtigkeit vor, beklagt Freiheitseinschränkung und Intoleranz. Die Diagno­se lautet in der Regel Amtsmissbrauch, Versagen der Politik, weil die z.B. „anstatt den Kern des Problems anzugehen, nur an seiner Oberfläche kratzen“, wie es in einem flyer von Bildungskritikern heißt. Wer auf diese Weise Politik und Konkurrenz zu Einrichtungen erklärt, die eigentlich durch hehre Prinzipien dazu verpflichtet seien, seinen Interessen zu dienen; wer meint, dass hierzulande eigentlich alles harmonisch und zur Zufrie­denheit aller ablaufen könnte, wenn sich Lehrer, Politiker und Manager nicht immer an ihren ei­gentlichen Aufgaben versündigen würden, wer also alle hierzulande erlaubten Erfolgswege in Schule und Beruf auf diese Weise idealisiert, der ist – im genannten Sinne – dumm.

4. Warum diese Dummheiten zum Erziehungsauftrag des staatlichen und privaten Bildungswesens gehören, ist also leicht zu erkennen: Sie sind das geistige Schmiermittel des demokratischen Kapitalismus, mit dem der freie Bürger ausgestattet wird. Nicht ermittelt ist, warum sie sich in der Köpfen halten, wo ihnen doch jede konkrete Erfahrung, die Menschen in Verfolgung ihrer Lebensplanung in dieser Gesellschaft machen, wi­derspricht. Spätestens nach der vierten Wahlbeteiligung kann man von Wählern hören, dass die da oben ja doch machen, was sie wollen. (Schon wieder eine Dummheit.) Wer wegen Insolvenz entlassen wird, wirft den Unternehmern Undankbarkeit vor (auch eine Dummheit), weiß also, dass Arbeitslosigkeit nicht Resultat seiner Leistungsverweigerung ist. Und selbst der kritische Mora­list, der mit seinen Forderungen immer wieder unverdrossen bei jenen staatlichen Stellen antritt, die ihm eine Reform-Suppe nach der anderen einbrocken, weiß, dass er „denen da oben Dampf“ machen muss, was ja wohl nichts anderes bedeutet, als dass „die oben“ auf seine moralisch wert­vollen Argumente nicht hören.

5. All diese theoretischen Dummheiten lernt man in der Schule. Dort ist die Erziehung zu solch par­teilichem Denken Lernstoff. Dafür, dass die falschen Urteile in der Regel unbesehen durchgehen, sorgt die Schule ebenfalls. In ihr ist das Lernen so organisiert, dass gar nicht erst die Unsitte ein­reißt, die Lerninhalte auf ihre Stimmigkeit zu überprüfen. Gelernt wird, was in der Schule nützt. Jede schulisch verlangte Verstandesleistung ist nämlich als Bewährungs­probe organisiert. Der Erfolgsmaßstab des Lernens ist die gute Note, nicht etwa das Begreifen. Mit guten Noten wird belohnt, wer Gefordertes in geforderter Weise zum angesetzten Zeitpunkt wieder­gibt. Die relative Gleichgültigkeit gegenüber dem Inhalt des Lernstoffs gehört zur schuli­schen Aneignungsform von Wissen, Kenntnissen und Urteilen zwangsläufig dazu. Auch das Ver­sprechen späterer Anwendbarkeit gilt als wirksames Lernmotiv. Was sich Schüler dann häufig als nützlichen „Praxisbezug“ zurechtlegen, ist der Sache nach folgender Beschluss: In meinen Kopf lasse ich nur rein, womit ich mich später im Dienst an Staats- und Geldmacht nützlich machen kann. Kurz: Die durchgesetzte instrumentelle Stellung zur Wissensaneignung verbietet geradezu die Prüfung des Lernstoffs auf ihren Wahrheitsgehalt. Deswegen gehört zur höheren Bildung übrigens auch die Dummheit, dass es so etwas wie Wahrheit gar nicht gibt.

6. Wenn regelmäßig die Kritik an Schule – so wie sie hier angedeutet worden ist – mit der Frage nach der Alternative konfrontiert wird oder gar blamiert werden soll, dann liegt nicht nur eine wei­tere gelernte Dummheit, der Imperativ der konstruktiven Kritik, auf dem Tisch, sondern zugleich ein Eingeständnis: Es ist bekannt, dass die Herrschaft in diesem Land sich hütet, für ihre Bürger Alternativen zum demokratischen Kapitalismus bereit zu halten; nichts als den wollen sie zum internationalen Erfolgsmodell ausgestalten. Sie schließen sogar umgekehrt jede vernünfti­ge Organisation des Zusammenlebens grundsätzlich – siehe z.B. Art. 14 des Grundgesetzes, der das Privateigentum schützt – aus. Und diese Alternativlosigkeit der herrschenden Lebensverhältnisse, der (Sach-)Zwang, sich unter dem Regime von Geld und Privateigentum, Konkurrenz mit ihren Interessengegensätzen, Rechtsordnung und Gewaltmonopol sein Leben unter Aufbietung von Leis­tungen des freien Willens einzurichten, ist es letztlich, unter dem sich gelernte Dummheiten zu ei­nem leider vielfach ziemlich unerschütterlichen Standpunkt verfestigen. Wer dann die qua Staatsmacht erfolgte Ächtung jeder Alternative zum herrschenden System ausgerechnet den Kritikern als fehlenden Realismus ihrer Kritik vorhält, ist mit seiner Dummheit schon bei gemeiner Parteinahme gelandet.

2Titel der Podiumsdiskussion von lj-solid am 10.06.09

Quelle