Jesus aus vedischer Sichtweise

Jesus Christus aus vedischer Sicht, ein Kapitel aus dem Buch „Licht wirft keinen Schatten“ (S.417-419), von Armin Risi

Wer ist der „Erstgeborene der ganzen Schöpfung“?

Unbeschränkte Vollmacht im Himmel und auf Erden; Herrlichkeit, bevor die Welt geschaffen wurde; der Erstgeborene der ganzen Schöpfung; der Sohn, durch den Gott die Welten gemacht hat – diese Formulierungen weisen auf Jesu höhere Identität hin. Er ist ja auch aus christlicher Sicht eine Inkarnation, und zwar im ursprünglichen Sinn des Wortes: eine „in das Fleisch gegangene“ („fleischgewordene“) hohe oder höchste göttliche Wesenheit. Aus der Sicht der vedischen Schöpfungsbeschreibung kann man in den zitierten biblischen Hinweisen leicht erkennen, welche einzigartige Wesenheit es war, die sich auf Erden als Jesus inkarnierte. Um dies hier darzulegen, muss ich etwas weiter ausholen.

Die vedischen Quellen offenbaren, dass das Reich Gottes, das Absolute Sein, eine für uns Menschen unvorstellbare ewige Gegenwart ist. Ewigkeit ist nicht eine unendlich lange Zeit, sondern eben gerade das Sein jenseits von Zeit, das Zeitlose. Die „unendlich lange Zeit“ und die „Ewigkeit“, das „Zeitlose“, werden im Sanskrit klar unterschieden, und zwar durch zwei bekannte Standardbegriffe: kâla und sat. Diejenigen, die das Einssein mit Gottes Sein verlieren (aufgrund eines Missbrauches des freien Willen), fallen aus der Ewigkeit in die Zeit, d.h. aus dem Reich des Sat in den Bereich von Kala. Die zeitlose Ewigkeit spiegelt sich in der Materie in Form des unendlichen Zeitflusses (Kâla), wodurch eine unendliche, aber in sich begrenzte Schöpfung entsteht. Das Materielle steht in Beziehung zum Spirituellen so wie der Schatten zum Licht.

Gott als Inbegriff der Einheit ist eine „absolute Individualität“, das Jesus zum Ausdruck brachte, indem er nicht nur von „Gott“ (Jahwe) sprach, sondern meistens den Begriff „Vater“ verwendete. Natürlich ist Gott nicht nur Vater, sondern auch Mutter, und nicht „nur“ Urschöpfer, genauso wie Vater und Mutter nicht nur Erzeuger von Kindern sind, sondern in erster Linie Geliebter und Geliebte! Auf ähnliche Weise ist dieser Aspekt auch in Gott enthalten, ja dieses absolute Sein als Geliebter und Geliebte ist der Ursprung jeglicher Schöpfung. Hierin findet sich die zeitlose Vereinigung des männlichen und weiblichen Uraspektes, es ist die „Einheit der Zweiheit“ in Liebe. (Gottes Name in diesem Aspekt der Liebe lautet im Sanskrit Radha-Krishna.)

Wenn Gott die Schöpfung vornimmt, tut er dies in der Rolle des Mutter-Vater Gottes, im Sanskrit Shri-Vishnu „atmet“ die Universen aus und ein. Wenn wir ein Universum in diesem Urzustand betrachten, ist es nur eine potentielle Materie-Einheit, in der noch keine Formen existieren. Im hebräischen Text der Bibel (Genesis 1,2) wird dieser Zustand tohu va-bohu genannt, meist übersetzt als „wüst und leer“. In Torah-Übersetzungen wird dieselbe Stelle (richtiger) mit den Begriffen „ungeformt und leer“ übersetzt.

Um die Schöpfung innerhalb des Universums entstehen zu lassen, erweitert sich die absolute Individualität (Mutter-Vater-Gott) in ein „Drittes“, und das ist der „erstgeborene Sohn Gottes“. Er ist das erste und höchste Lichtwesen der gesamten Schöpfung, und durch ihn kommt Licht und Bewegung in die potentielle Materie, wodurch erst „Schöpfung“ entstehen kann. Der erste Sohn Gottes in der höchsten, ursprünglichen Dimensionsebene des Universums wird im Sanskrit Brahmâ genannt. Brahmâ bedeutet wörtlich „derjenige, der entfaltet, erweitert, transformiert“, abgeleitet von der Verbwurzel brih, „wachsen, vergrößern, groß machen, entfalten“. Brahmâ ist also der „große (im Universum allumfassende) Transformator“, der aus der göttlichen Urenergie des „Vaters“ die siebenstufige Schöpfung entstehen läßt.

Den Namen Brahmâ kennt man im Westen meistens nur im Zusammenhang mit der sogenannten „indischen Trinität“ Brahmâ-Vishnu-Shiva. (Es würde hier zu weit führen, auch auf die Rolle Shivas einzugehen.) Brahmâ ist der direkte Sohn Gottes, durch den die gesamte Schöpfung im Universum entsteht; er ist der höchste, urerste demiourgos des Universums, von dem die griechischen Schulen sprechen, und der pantokrator, der „All-Herrscher“, was auch in der christlichen Tradition ein Ausdruck ist, der immer direkt auf den „Sohn“ bezogen wird: Christos Pantokrator.

Brahmâ ist sowohl Sohn als auch Vater, denn er ist der Vater des Universums, durch den alle Lebewesen in der Schöpfung erscheinen, angefangen mit den „Erzengeln“. In diesem Sinn ist es nicht falsch, Brahmâ oder den Christos Pantokrator als Gott zu bezeichnen, denn der Begriff „Gott“ hat viele Aspekte, unter anderem auch den des höchsten Schöpfers, sowohl des Urschöpfers („Gottvater“, Vishnu) als auch des universalen Schöpfers („Brahmâ). Die Offenbarung über diesen Ursprung des beseelten Universums ist nicht auf die vedischen Quellen beschränkt, sondern wird auch in christlichen Neuoffenbarungen erwähnt. Eine sehr deutliche Parallele findet sich im Buch von Johannes Greber, Der Verkehr mit der Geisterwelt Gottes, S. 265: „[Es gibt] sieben Söhne Gottes. Die ganze ins Dasein getretene Welt, außer dem erstgeschaffenen Sohne Gottes, ist nicht eine unmittelbare Schöpfung Gottes wie der erste Sohn, sondern ist durch den erstgeschaffenen Sohn, dem Gott die Schöpferkraft verlieh, ins Leben gerufen worden.“

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